Espen Eichhöfer

Vadder

Vadder

Mein Vater leidet an Depressionen.
Ich versuche, ihn neu zu sehen. Ich will eine Vorstellung davon bekommen, wie es in ihm aussieht, jetzt, wo die Krankheit und die Medikamente ihn verändert haben. Denn hinter der mir vertrauten Fassade fehlen Eigenschaften, die ihn auch ausmachten: die Euphorie, das Energische und seine Fähigkeit, Gefühle in Worte zu kleiden.
Ein kleiner operativer Eingriff vor zwei Jahren löste aus, was sich vielleicht bereits seit vielen Jahren anbahnte: die Seelenkrankheit.
Mein Vater arbeitete für die Ruhrkohle AG. Anfang der 90er Jahre begann die Digitalisierung an seinem Arbeitsplatz. Er wollte diese nicht mitmachen. Sein Arbeitgeber machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: „Gehen Sie in Rente und bekommen Sie fast so viel Geld, wie zuvor.“
Die frühe Pensionierung meines Vaters 1998 mit gerade mal 53 Jahren war vielleicht schon der Beginn. Mein Vater wurde still, emotionsarm und phlegmatisch.
Er atmet stoßweise, ist aus dem Rhythmus gekommen. Ihn beschäftigt die Zeit. Sie will nicht vergehen, zugleich sitzt sie ihm ständig drohend im Nacken. Er muss los! Die Zeit wird knapp, aber wo soll es hingehen?
Die Taktgeber seines Lebens sind nun: Der omnipräsente Radiowecker „Dream Machine“. Seine Digitalanzeige blinkt bedrohlich in der Küche, das Radio läuft pausenlos und diktiert den Rhythmus. Seine Armbanduhr, die er von der Ruhrkohle AG erhielt, und auf die er immer wieder einen Blick wirft.
Kleine Tätigkeiten, wie Brote schmieren, mutieren zu großen Projekten. Sie wollen all seine Kraft und Aufmerksamkeit.

Ich stelle ihm diese ganzen Fragen, die er nicht hören will und nicht beantworten kann: was sind deine Wünsche, deine Pläne? Wirst du etwas unternehmen, damit es dir wieder besser geht? Wie sieht es in dir aus, kannst du es mit einem Bild beschreiben?
Mein Vater spricht nicht viel, er zieht es vor mir Briefe zu schreiben, die mich zu Orten führen sollen, die mir sein Leben zeigen können: in der Stadt, den Straßen seiner Kindheit und Jugend, die Orte der Arbeit.

Er schreibt: „Mein lieber Sohn Espen. Fahre zur Baerler Brücke. Aus der Erinnerung heraus bin ich dort mit meinem Bruder und meinen Eltern spazieren gegangen. Wir waren damals Schulkinder.“

Ich unternehme den Versuch anhand der Orte, die sein Leben begleitet haben, seinen Zustand zu beschreiben. Diese innere Welt, die mir verschlossen bleibt. Ich kann nur mutmaßen, wie sie aussieht. Seelenlandschaften.

Er schreibt: „Espen, lass uns in die Schlägelstrasse nach Duisburg Homberg fahren. Dort befand sich mein Elternhaus, das leider abgerissen werden musste. Meine Eltern sind ins Hochhaus umgezogen. Dieses Haus, weißer Riese genannt, wird am Sonntag um 9.00 Uhr gesprengt.“

Es gibt eine Parallele zwischen dem Zustand meines Vater und der Region, in der er lebt. Das Ruhrgebiet macht seit einigen Jahrzehnten eine Identitätskrise durch. Die traditionell wichtigen Industrien sind tot und das Neue lebt noch nicht richtig.
Mein Vater lebt nicht mehr richtig, ist aber noch nicht tot.

Er schreibt: „Die Arbeit als Bergmann, also von meinem 18. Lebensjahr an, hat mir am meisten Spaß gemacht. Unser Motto war: feste arbeiten und Feste feiern.“

Es gibt eine starke Kontinuität in der Verflechtung meiner Familie mit dem Ruhrgebiet. Der Stolz auf die Arbeit und der Zusammenhalt der Menschen waren identitätsstiftend.
Mein Urgroßvater und mein Großvater waren Bergleute unter Tage. Mein Vater war er der erste der Familie, der nicht Kohle abbaute.

Er schreibt: „Meine Gedanken gehen zurück bis in die 50er Jahre. Zu der Zeit war die Förderung der Kohle der Motor und Antrieb für den Wohlstand in Deutschland. Heute bin ich 73 und supertraurig, dass die letzte Zeche geschlossen wurde.“ Und: „Die größte Tradition aber ist der Begriff des „Kumpel“. So bezeichnen sich die Bergleute untereinander. Das heißt nichts anderes, als: wir halten zusammen, selbst in der größten Not. Auch, wenn der Tod uns bedroht.“

-Mein Vater schmiert sich ein Brot und wieder wandert sein Blick zur Uhr. Mein Vater leidet an Depressionen.
© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Espen Eichhöfer

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