Brigitte Kraemer

Am Kanal

Das Ruhrgebiet sollte vielleicht besser Kanalgebiet heißen.
Wenn schon nicht Emschergebiet. Die Ruhr war als Industriefluss bereits fast abgehalftert, als das Ruhrgebiet entstand, dieser menschenvolle Mischmasch aus Industrie und Städten und Schloten und Straßen, der sich rücksichtslos auf eine Landschaft legte, in der es Jahrhunderte lang nur Kleinstädte und Dörfer, Katen und Wasserburgen, einige Klöster und eine Reihe mittelprachtvoller Kirchen gegeben hatte. Eine ruhige Landschaft aus Flusstälern, Ruhrhöhen und Emscherauen, an den Rändern übergleitend in Münsterland und Niederrhein und Sauerland.
Niemand hat das Ruhrgebiet geplant. Nicht einmal der Siedlungsverband, dessen Enkel heute RVR heißt. Der entstand erst, als die Menschen schon fast alle hier waren, in den 1920er Jahren. Geplant worden waren Zechen und Hüttenwerke. Es war ehrlich, das, was hier entstand, insgesamt einfach „Industriegebiet“ zu taufen und ihm nicht einen schönen, historischen Städtenamen zu geben: Essen etwa oder Haranni oder Dortmund.
Das Ruhrgebiet ist eine Mischung aus gigantischem Gewerbegebiet, gewucherten Dörfern und urbanem Dschungel. Das macht es für Fremde so schwer zu erfassen. Es hat keine Mitte, von der aus sich alles Weitere erschließen lässt. Es sei denn, man nähme die Kanäle als Mitte.
Zu Zechen und Hüttenwerken und von dort weg mussten Erze und Kohle gebracht werden. Nur deshalb entstanden Eisenbahnlinien - und eben Kanäle. Nicht etwa, weil Menschen am Kanalufer Rad fahren und grillen und schmachten oder per Regionalbahn von Oberhausen ins Westfalenstadion oder von Herne in die Aalto-Oper fahren wollten. Das kam später.
Anfangs wurden die Menschen nur gebraucht.
Die Industrie der Schlote und Zechen hat sich verzogen oder ist zu Museen mutiert, doch die Menschen sind geblieben. Sie haben, nach und nach und anfangs oft noch ängstlich zögernd, in Besitz und in Gebrauch genommen, was nicht für sie geplant worden war. Sie haben Industrieruinen und Kanallandschaften eingemenscht. Haben sie beseelt.
Nur deshalb konnten Fotos entstehen, wie sie in diesem wundervollen Buch versammelt sind. Beseelte Fotos halt.
Sie legen Zeugnis ab von einer starken, großen, rauen und ehrlichen Liebe. Der Liebe zu einer Landschaft, einer Szenerie, die ihre Schönheit, oder besser wohl, um südlich des Mains nicht missverstanden zu werden: ihre eigenartige Anmut aus ebendieser Liebe der Menschen bezieht: Bei mir bist Du schön.
Wer so fühlt, wird sie sehen, diese Schönheit, und wird begreifen, wie Liebe zu dieser Landschaft, dieser Region und ihren Menschen entsteht und wächst. Und bleibt.
Das Tal der Ruhr ist (heute wieder) eine klassische Schönheit. Es gibt nur wenige Flusstäler, die anmutiger und vielfältiger sind. Die vergewaltigte Emscher ist im Begriffe, dank viel Wiedergutmachungsgeld wieder eine ländliche Schönheit zu werden. Doch die Kanäle werden bleiben, was sie waren: zumeist schnurgerade Wasserwege durch die Hinterhöfe des Reviers, die Aschenputtel unter den Gewässern. Sicher, „früher waren mehr Schiffe“, aber früher war auch der Zugang zu den Kanalufern versperrt. Er musste erschlichen werden. Heute sind Zufahrten, Rad- und Wanderwege von Amts wegen allerorten. Und sogar Marinas entstehen. Und der Gasometer ist ein Museum, in mancher Zechenkaue wird auf Kunst gemacht.
Nein, der Rhein-Herne-Kanal ist dennoch nicht die Riviera des Reviers. Das zu behaupten ist Proletarierromantik oder Städtewerbung. Auch Herner und Oberhausener kennen den Weg nach Mallorca und zur türkischen Riviera. Im Zweifel sonnen sich zu jeder gegebenen Zeit mehr Ruhrstädter auf den Kanaren und Malediven als auf Luftmatratzen am Kanal.
Aber am Kanal sind sie eben auch. Und wie sie dort sind, das ist es. Manche sind dort, wann immer sie können. Entschlossen zu leben und leben zu lassen. Mit Bratwurst und Angel und Pilsken, aber ohne Gedöns.
In der Böschung am Kanal hat mancher Ruhrstädter manche Ruhrstädterin zum ersten Mal geküsst. Und wird das nie vergessen, selbst wenn der Mond von Wanne-Eickel an jenem Tag nicht ganz rund geschienen haben sollte.
Zum Kanal kehren sie zurück, alle, immer mal wieder, auch die, die von Karnap oder Castrop hinausgezogen sind in die Welt, ob nach Bochum, nach München, Timbuktu oder nach New York. Denn sie wissen: Nirgendwo vernehmlicher als hier, am Ufer des Kanals, ist der Pulsschlag des Reviers zu spüren; vertraut und ruhig und fest.

Uwe Knüpfer
© Sämtliche Nutzungsrechte an den abgebildeten Fotografien liegen bei Brigitte Kraemer

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