Painkiller, 1993

Peter Maria Schäfer — Dortmund

Hintergrund zur Fotoserie

Painkiller
miss·brau·chen

Missbrauchen ist ein schwaches Verb.
Es bedeutet:
(vorsätzlich) falsch, der eigentlichen Bestimmung o. Ä. zuwiderlaufend gebrauchen; in unredlicher, unerlaubter Weise [für eigennützige Zwecke] gebrauchen, benutzen
”seine Macht missbrauchen”

Es bedeutet auch:
etwas in übermäßigem, sich schädlich auswirkendem Maß zu sich nehmen, anwenden
”Drogen missbrauchen”

Dies ist die wahre Geschichte von Tom und Jerry, wobei Jerry eigentlich Markus heißt und Tom nicht Tom ist. Aber egal, bleiben wir bei Tom. Er ist ein Spießer wie Edward Albee den „Peter“ in seinem Drama „The Zoostory“ skizziert. Er ist verheiratet, hat zwei Häuser, zwei Töchter, zwei Katzen und zwei Wellensittiche. Er ist erfolgreich im Job. Aber da er eine leitende Position hat und viel Verantwortung trägt, fängt er an zu trinken und wird später heimlich Alkoholiker. Tom findet seine Lust am Dortmunder Schwulenstrich, wo er Jerry kennenlernt. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Beziehung.

In einem zweiten Haus am Ende der Stadt gestaltet Tom eine leer stehende Mansarde zum Liebesnest um. Dort gehen Jerry und andere – zum Teil minderjährige – Jungs ein und aus, die sich am Dortmunder Schwulenstrich das Geld für Heroin verdienen. Das Liebesnest wird für diese Jungs mehr und mehr zur offenen Absteige-WG.

Während zuhause bei Frau und Töchtern alles seinen Platz hat, die Wohnung immer aussieht wie ein Wohnzimmer im Showroom eines Möbelhauses und im Garten immer alles möglichst perfekt aussieht,
läuft in Toms Mansarde unter dem Dach alles aus dem Ruder. Die Jungs haben einen Ort, an dem sie pennen und sich in Ruhe ihren Schuss setzen können, Tom kommt sexuell auf seine Kosten. Und er lässt die Korken knallen während Jerry zugedröhnt durch die Wohnung tanzt. Nach außen mimt Tom den Betreuer von Jerry. Wenn Jerry mal wieder wegen Beschaffungskriminalität im Knast landet, besucht Tom ihn als sein Betreuer. Jerrys Mutter glaubt fest an die Hilfe von Tom und sieht ihn als Jerrys Stütze. Irgendwann, nach etlichen Aufenthalten in der JVA, gibt sich Jerry nach jeder Menge Alkohol und Sex den „goldenen Schuss“.

Diese Geschichte ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit aber viele reden nicht darüber, weil Missbrauch ist generell ein Tabuthema. Manchmal dauert es Jahrzehnte bis Missbrauchsopfer ihr Schweigen brechen, andere trauen sich nie. Das Thema ist immer präsent im Alltag aber die Täter verharmlosen ihr Tun, spielen den Betreuer und Helfer, setzen sich angeblich für ihre Jungs ein und in Wirklichkeit werden diese ausgenutzt und bezahlt. Meistens sind es Vertrauenspersonen, die das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen missbrauchen: Lehrer, Pfarrer, Beamte, Vorgesetzte oder in der eigenen Familie der Onkel, der die Nichte missbraucht oder der eigene Vater.

Missbrauch in unterschiedlichster Ausprägung versteckt sich an jeder Ecke. Letzte Woche erst sehe ich, dass die Polizei einen Mann sucht, der sein Geschlechtsteil vor 11 jährigen Mädchen in einem Supermarkt zeigt und nach deren Namen und Adresse fragt. Ganz dreist vor den laufenden Überwachungskameras des Supermarktes. Der Mann auf den Bildern der Kameras ist ein Bekannter unseres Freundeskreises mit höchst angesehenem Beruf und so etwas hätte ihm niemand zugetraut. Wir waren alle geschockt!

Erst jetzt spricht die Öffentlichkeit über Priester in Deutschland, die minderjährige Jungs in der Sakristei anfassen und später „vernaschen“. Zu meiner Schulzeit pfiffen schon die Spatzen von den Dächern, was abends in der gegenüber liegenden Münsterkirche im Dunkeln abläuft. Dort, wo Domvikare, Priester und damals wie heute der Ruhrbischof wohnen – gingen auch damals schon Minderjährige nach Sonnenuntergang durch den Kreuzgang zu den „heiligen Bimbam“, wie hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde.

Der Kinderschutzexperte des Vatikans sieht großen Nachholbedarf bei der Aufklärung von Missbrauch: Zollner fordert klare Strafen für Bischöfe, heißt es in der Presse. Aber die Seelen der Opfer sind gebrochen, auch wenn die Täter bestraft würden.

Neulich habe ich von einer Frau erfahren, dass sich ihre streng katholische, 88 Jahre alte Mutter nicht von einem Priester beerdigen lassen wollte, weil sie die Verlogenheit der Kirche in ihrer Stadt nicht ertragen konnte. Sie wurde dann in der Tat ohne Priester beigesetzt.

Aber zurück zu Tom und Jerry. Tom ist inzwischen 26 Jahre älter geworden und ein alter Mann, Jerry liegt auf dem Dortmunder Friedhof. Die Täter und Opfer sind austauschbar. Missbrauch begegnet uns auch heute immer wieder hinter so mancher vermeintlich schönen Fassade.

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