Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Die Bundesstraße Nr. 1 - eine fotografische Durchsicht unseres Landes

Die Bundesstraße Nr. 1 - eine fotografische Durchsicht unseres Landes zurück zur Übersicht

Johannes Backes, Aachen / Essen / Berlin / ..., 1995-1996 (zurück zur Übersicht)

Sie wird liebevoll die ''Eins'' genannt oder ''Alte Eins'', auf ihren Straßenschildern steht ''Alte Reichsstraße'', ''Alte Heerstraße'', ''Hellweg'', ''Königstraße'' oder ''Schloßstraße''. Mit all diesen Attributen sollte man meinen, es handele sich um eine Prachtstraße, einen Boulevard, eine Magistrale - aber weit gefehlt, sie existiert eigentlich gar nicht.
Im Ruhrgebiet nur pragmatisch B1 genannt, meist als Schimpfwort, wegen permanenter Verstopfung, ein träge dahintreibender Strom von stinkendem Blech, ist sie vielfach nur noch die Alte B1, sechsspurig ausgebaut genauso verstopft, von Bürokraten zur A 430 oder A 44 gemacht.
Sie existiert eigentlich nur noch in Bruchstücken. In Bruchstücken überschaubarer Regionalität, verkennend, verdrängend, daß die heutige Bundesstraße Nr. 1 und ehemalige Reichsstraße Nr. 1 einen Bogen spannt von der Krönungsstadt Karl des Großen, Aachen, bis zur Krönungsstadt Friedrich des Großen, Königsberg, und sie all die katastrophalen Auswirkungen bis in die jüngste deutsche Geschichte vereint. Doch schaut man auf die Landkarte, findet man eine Straße der Weserrenaissance, eine Schwäbische Dichterstraße, eine Romantische Straße oder eine Deutsche Märchenstraße.
Golo Mann schreibt in seiner großartigen Betrachtung der deutschen Geschichte:'' Wer sich in die Geschichte der deutschen Nation vertieft, der hat leicht den Eindruck eines unruhigen Lebens in Extremen... Von apolitischer Ruhe wendet Deutschland sich zur aufregensten politischen Tätigkeit, von buntscheckiger Vielgestalt zu radikaler Einheitlichkeit; aus Ohnmacht erhebt es sich zu aggressiver Macht....''
Die deutsche Geschichte ist nicht einfach zu verstehen, schon die Anfänge der deutschen Kaiser hatten prägenden Einfluß auf vielschichtige Entwicklungen. Deshalb muß man sich auch die Entwicklung von Karl dem Großen an betrachten, um den Mythos zu verstehen - einen Mythos, den Hitlers Regime zu ihrem Zwecke nutzte - als sie nach der Machtergreifung 1934 im Rahmen der Neuordnung des Reichstraßenwesens die Straße zur dann legendären Reichsstraße Nr.1 machten. Es ist dies das, was ich unter Nietzsches Ausdruck das ''Täusche- Volk'' verstehe, ein Volk, was sich gern von Mythen umgarnt und sich in seinen Mythen gefiel. Das Dritte Reich hinterließ der Straße die unheilvollen Orte: Haus der Wannseekonferenz, Nazischaltzentrale, Reichskanzlei und Führerbunker am Potsdamer Platz, die Seelower Höhen, die Orte des Grauens. Deutschland erschien nach 1945 paralysiert und von der sogenannten legendären R 1 wird bis heute nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen.
Ein großer deutscher Schriftsteller beschrieb in unserer Zeit den unwiederbringlichen Paternoster der Geschichte, den er am Potsdamer Platz gefunden hatte, nur finden wir den gleich mehrfach am Potsdamer Platz und genauso an der Essener Freiheit, vielleicht nicht ganz so einfach gestrickt, aber nicht weniger exemplarisch. Und weil die ''Eins'' über so viele Paternoster verfügt, würde uns und unserer Kultur eine Deutsche Geschichtsstraße sicher guttun.

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