Pixelprojekt_Ruhrgebiet - Als der Pott noch kochte

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Horst Lang, Bochum / Bottrop / Duisburg / Essen / Gelsenkirchen / Oberhausen, 1950-1970 (zurück zur Übersicht)

Andreas Rossmann
»... als der Pott noch kochte«
Ein Lebenswerk wird geborgen: Über den Photographen Horst Lang

Es war einmal.
So könnten viele der Geschichten beginnen, von denen die Photographien von Horst Lang erzählen. Denn was sie festhalten, scheint lange her. Bilder eines Ruhrgebiets, das es nicht mehr gibt. Das vergangen und oft auch untergegangen ist. die Essener Zechen Graf Beust, Carl Funke, Emil-Emscher, Helene & Amalie, Heinrich, Mathias Stinnes und Victoria Mathias – sie alle wurden geschlossen, abgetragen, »plattgemacht«. Nur hier und da ist etwas stehen geblieben – mal ein Förderturm, mal ein Verwaltungsgebäude. Allein die Zeche Zollverein XII und die Kokerei Zollverein, die 1986 und 1993 stillgelegt wurden, sind komplett erhalten und sehen heute, da sie verwittern und die Natur sie anzufressen beginnt, doch bereits anders aus.
Riesige Industrieareale sind dem Erdboden gleichgemacht. Wie Wunden klaffen die Brachen im Körper der Stadt. Ganze Quartiere wie der berüchtigte Segeroth, das von Kriegsbomben durchsiebte Arbeiterviertel am Nordrand der Essener Innenstadt, gibt es nicht mehr: Wo Horst Lang den Kindern in Trümmergrundstücken beim Spielen zuschaute, sie in einem Koffer und unter einem Regenschirm – Requisiten einer geborgten Geborgenheit – sitzen sah, recken sich heute die achteckigen Türme der 1973 eröffneten Universität in den Himmel. Strukturwandel total. Nichts ist hier, wie es war.

Ortstermin an der Bahnbrücke, Ecke Essener und Osterfelder Straße, in Oberhausen. Die Stelle bot eine Art Aussichtsplattform und war ihres Panoramablicks wegen nicht nur bei Photographen beliebt. Diese aber haben sie fast alle genutzt: Albert Renger-Patzsch 1928 ebenso wie – übrigens im selben Jahr – August Sander, Wolf Strache in den fünfziger und Bernd und Hilla Becher in den sechziger Jahren. Aber auch so unter-schiedliche Regisseure wie Veit Harlan (Der Herrscher, 1937) Helmut Käutner (Der Rest ist Schweigen, 1959) und Jean Chapot (Schornstein Nr. 4, 1966) haben hier ge-dreht. Was einst »Gutehoffnungshütte« und von 1953 an HOAG (Hüttenwerke Oberhausen AG) hieß, diese Hochofengruppe von Thyssen war eine Sehenswürdigkeit.
Auch Horst Lang hat sie angezogen und zu einer seiner besten Aufnahmen herausgefordert: Vier Schrägaufzüge zwischen und hinter zwei Schornsteinen, sechs Winderhitzer (Cowper) und eine Betriebshalle zeichnen die Silhouette. Was aus dem Stahl so alles werden kann, steht und hängt – als Verkehrsschild, Mast, Geländer, Oberleitung – davor oder fährt – als Straßenbahn, Auto, Fahrrad – gerade vorbei. Der Mensch ist, samt seinen bescheidenen Bedürfnissen, nur eine Randerscheinung: Die Trinkhalle, im Revier gerne als »Kurort des kleinen Mannes« bespöttelt, setzt ihn ins Verhältnis zur schier übermächtigen Industrie. Wer heute, mit dem Photo in der Hand, erstmals an diesen Ort kommt, kann nichts, aber auch gar nichts wiedererkennen. Kein Stein scheint auf dem anderen geblieben. Auch die Straßenbahn fährt nicht mehr. Wo bis 1969 das Hüttenwerk dampfte, haben sich Kleinbetriebe, Lagerstätten und Transportfirmen angesiedelt, die Monumente der Industrie haben gesichtslosen Zweck- und Containerbauten Platz gemacht, und im Rücken glitzert CentrO., das talmihafte Einkaufseldorado der »Neuen Mitte« Oberhausen.
Das Ruhrgebiet war anders damals: schmutziger, rauher, vitaler. Die Zechen förderten, die Hüttenwerke fertigten, die Schornsteine qualmten, die Feuer brannten noch. Staub und Gestank lagen in der Luft, der blaue Himmel über der Ruhr war noch nicht einmal ein Versprechen. Die Produktion lief auf Hochtouren, das Revier war und verstand sich als Motor des Wirtschaftswunders, die Konjunktur boomte, ein Viertel des westdeutschen Bruttosozialprodukts wurde hier erwirtschaftet, die Bevölkerungszahl lag bei sechs Millionen, es herrschte nahezu Vollbeschäftigung. »Zwischen Duisburg und Dortmund ist Weiß nur ein Traum«, schrieb Heinrich Böll 1958 und stellte (sich) das Ballungsgebiet vor als eine »riesige Großstadt, deren Bevölkerungszahl der von Paris, deren Bodenfläche der Londons gleicht«. Das Ruhrgebiet stand förmlich und weiterhin sichtbar unter Dampf. Es war, salopp formuliert, die Zeit, als der Pott noch kochte.

»... als der Pott noch kochte«: So heißt im Herbst 1998 die Studio-Ausstellung, die das Quadrat Bottrop im Josef Albers Museum mit Photographien von Horst Lang veranstaltet. Der Titel greift das Motto einer Imagekampagne auf, die der Kommunalverband Ruhrgebiet gerade angekurbelt hatte, und läßt, indem es ihn in die Vergangenheit setzt, die heiße Luft aus ihm heraus: Was sind schon, so die unterschwellige Botschaft, die Sprechblasen einer PR-Aktion mit dem Slogan »Der Pott kocht« im Vergleich zu der brodelnden, feuerspeienden Kulisse, die die Schwerindustrie hier einst »inszeniert« hat.
Es ist, von einer kleinen, im Juli 1997 von ihm selbst durchgeführten Schau in der Orangerie der Essener Gruga abgesehen, die erste Ausstellung im Leben des Horst Lang. Niemand kannte bis dahin diesen Photographen. Aufgefallen war er Ulrich Schumacher, dem Direktor des Josef Albers Museums, der sich vor allem für die Aufnahmen der Industrie- und Arbeitswelt begeisterte und ihre besonderen Qualitäten erkannte: die scharfe Beobachtungsgabe, den Sinn für den »richtigen« Augenblick, die Kraft der Komposition, den souveränen, nuancenreichen Umgang mit Licht, mit Schattierungen und Schwarzweiß-Effekten. Der bekennende Ruhrgebietler Schumacher zögert nicht lange und richtet Lang, obwohl seine räumlichen und finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind – für einen Katalog hat er keinen Etat – eine Ausstellung aus: »... als der Pott noch kochte« wird zur Offenbarung, eine kleine Sensation. Späte Entdeckung eines großen Photographen.
Der Essener Polizei ist Horst Lang allerdings schon länger bekannt. Mehr als fünfundzwanzig Jahre stand der in ihren Diensten. »Polizeipräsidium Essen sucht Tatortphotographen« lautet die Anzeige, auf die er sich 1965 meldet. Horst Lang bekommt die Stelle. Und photographiert fortan, was der Einsatzplan ihm vorlegt: Erschlagene im Treppenhaus, verwüstete Geschäftsräume, Tatwerkzeuge im Bordstein. Nichts für schwache Nerven und schon gar nichts, um sich als Photograph einen Namen zu machen. Was hier zählt, ist allein der kriminalistische Erfolg. Die Spurensicherung läßt keinen zweiten Versuch zu, nach dem Photographen kommt der Gerichtsmediziner. Photographie als Mittel der Wahrheitsfindung.
Zu vielen bekannten Verbrechen und Katastrophen wird Lang in fünfundzwanzig Dienstjahren geschickt: Der Todesstollen des Kindermörders Jürgen Bartsch 1966, der dreifache Mord in einer Essener Konditorei 1968, die Entführung des Unternehmers Theo Albrecht 1971, eine vorgetäuschte Geiselnahme 1983 in Oberhausen, der Flugzeugabsturz an der Mendener Brücke 1988 gehören zu den Fällen, an deren Aufklärung er mitwirkt. Bei seiner ersten Obduktion muß er sich noch an seiner Dienst-Leica festhalten, es fällt ihm schwer, sich an die Leichen und das viele Blut zu gewöhnen. Kalt hat es ihn auch später nie gelassen. So manches Wochenende hat ihm der Bereitschaftsdienst verhagelt: Selbst an Heiligabend wird er vom Christbaum weg in die kalte Nacht gerufen. »Das sind so Dinge, die an der Seele kratzen«, erinnert er sich: »Unten singen sie Weihnachtslieder, und wir sitzen oben mit der stinkenden Leiche.«
Aber es ist nicht nur Mord und Totschlag, Raub und Einbruch, was Horst Lang photographiert. Auch zu gesellschaftlichen Ereignissen wird er eingeteilt: Er ist dabei, als Ruhrbischof Hengsbach 1965 vom Zweiten Vatikanischen Konzil zurückkehrt und als die Bravo-Beatles-Blitztournee ein Jahr später in der Gruga Station macht; zu Einsätzen in der Westkurve des Stadions an der Hafenstrafe, wo Rot-Weiß Essen – damals noch in der Bundesliga – spielte, wird er geschickt und zu Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze. Als Hansjörg Felmy beim WDR als Essener Tatort-Kommissar anheuert, lernt Horst Lang ihn auf beruflicher Ebene kennen, und gelegentlich ist er auch als Pressephotograph für die Essener Revue tätig. Rund zweieinhalb Millionen Photos, so schätzt er, hat er in den zweieinhalb Jahrzehnten für die Polizei geschossen, zehn 36er-Filme pro Fall waren keine Seltenheit, auch unzählige dreiteilige Personen- und Fahndungsphotos – Profil, Front, Halbprofil – sind darunter. Im Jahr 1991 quittiert Horst Lang den Dienst bei der Polizei und läßt sich, mit sechzig Jahren, in den Vorruhestand setzen.

Zur Photographie ist Horst Lang schon früh, doch eher zufällig gekommen. Geboren am 6. März 1931 in Essen, wächst er im Stadtteil Rüttenscheid auf, von wo ihn der Bombenkrieg 1945 mit seiner Mutter – der Vater war im Jahr zuvor gestorben – nach Wernigerode im Harz verschlägt. Eine Lehre zum Radiotechniker beendet eine Gelbsucht nach nur vier Tagen, die aber genügen Horst Lang, um zu wissen, daß er sie nicht fortsetzen will. Es sind eher atmosphärische Gründe, die dabei den Ausschlag geben und ihn bewegen, sich dem Berliner Photographen Arthur Grimm anzuschließen, der seine Werkstatt nach Wernigerode verlegt hatte. Hier findet Horst Lang »eine ganz andere Stimmung« vor: »Wenn du Photograph werden willst, dann hängt das ganz allein vor dir ab « sagt ihm Grimm, der vor allem als Standphotograph für den Film arbeitet und keine Lehrlinge ausbilden darf. So lernt Horst Lang zunächst Photolaborant, 1948 legt er in Magdeburg die Gesellenprüfung ab. Photographieren hat ihm Arthur Grimm dennoch beigebracht. An den Wochenenden ist er mit ihm und einigen Kameraden im Harz »auf Photosafari« gezogen.
Erst 1951 kehrt Horst Lang ins Ruhrgebiet zurück, zunächst nach Duisburg, wo seine Schwester lebt, kurz darauf in seine Heimatstadt Essen. Arbeit findet er in verschiedenen Photogeschäften, als Laborant und als Verkäufer. In einem von ihnen, bei Küllen-berg am Kopstadt-Platz, macht er die Bekanntschaft eines prominenten Photographen und kommt gelegentlich ins Gespräch mit ihm: mit Albert Renger-Patzsch (1897-1966). Seit er 1928 mit seiner Familie hierher gezogen war und auf der Margarethenhöhe eine schöne Wohnung gefunden hatte, war Renger-Patzsch mit Essen verbunden: Im Museum Folkwang hatte er sich Arbeitsräume und ein Labor eingerichtet, und 1933 wurde ihm an der Folkwangschule eine Dozentenstelle für bildmäßige Photographie angeboten, die er aber, da er die Freiheit der Lehre nicht gewährleistet sah, nach zwei Semestern wieder aufgab. Nachdem ein Großteil seines Archivs 1944 einem Bombenangriff zum Opfer gefallen war, ließ er sich 1946 in Wamel am Möhnesee nieder, um von hier aus regelmäßig nach Essen zurückzukommen und in der Dunkelkammer des Ladens am Kopstadt-Platz seine Photoplatten umzulegen. Horst Lang erinnert sich genau daran. Denn das Händewaschen und Händetrocknen, das dem eigentlichen Vorgang vorausging, lief immer nach derselben Zeremonie ab.
Die freundliche Zurückhaltung, mit der ihm Renger-Patzsch begegnet, weckt in Horst Lang die Neugier auf dessen Arbeit, und er besucht die Stadtbücherei, um sich Bände von ihm auszuleihen. Seit Mitte der zwanziger Jahre hatte Renger-Patzsch das Ruhrgebiet seiner Photographie ausgesetzt, in der sich wissenschaftliche Dokumentation und konstruktivistische Ästhetik verbinden. Sein 1928 veröffentlichter Bildband Die Welt ist schön, dem der Autor lieber den Titel Die Dinge gegeben hätte, glich der Aufforderung zu einem neuen Sehen. Das Buch galt, kaum erschienen, als Inbegriff der »Neuen Sachlichkeit«. Schon im Jahr zuvor war Kurt Tucholsky alias Peter Panther über seine frühe Photographie von Albert Renger-Patzsch in der Vossischen Zeitung ins Schwärmen geraten: »Diese reine Augenfreude am konkreten Ding, am Material, an der lebenden Sache findet sich in dieser Ausstellung nur noch bei den Amerikanern.«
Augenfreude – davon teilen gerade auch die Photos von Renger-Patzsch aus dem Ruhrgebiet viel mit. Enthalten sie doch unausgesprochen das Angebot, den Formenreichtum der gemeinhin als funktional und schmutzig abgetanen Industriearchitektur, ihre Schornsteine und Schienenstränge, Hallen und Hochöfen, Türme und Turbinen, Werke und Werkzeuge schön zu finden. Horst Lang übrigens reagiert auf die karge Strenge seines berühmten Kollegen nicht so sehr ästhetisch als vielmehr emotional: »Ich finde seine Photos eher traurig.«
Horst Lang nutz vor allem die Wochenenden, um sich in der Tätigkeit zu üben, die er gern zu seinem Beruf machen würde, was ihm, als er die Stelle bei der Polizei bekommt, auch gelingt. Doch das Photographieren für die Kripo, ganz im Dienst der Ermittlung, ist ein anderes als das Photographieren, dem er aus freien Stücken und gleichsam auf den Spuren von Renger-Patzsch nachgeht: Zu Fuß, mit Bus und Bahn – denn ein eigenes Auto hat er damals noch nicht – durchstreift er die Industrielandschaft, um sie in jener anderen Schönheit zu erkunden und einzufangen, für die ihm sein großer Kollege den Blick geschult hat. Auch viele Motive teilt er mit Renger-Patzsch: Das Hüttenwerk der HOAG in Oberhausen, den Rhein-Herne-Kanal, die Zinkhütte in Essen-Borbeck, Scholven Chemie in Gelsenkirchen, die Zeche Karolinenglück in Bochum.
Dabei ist Horst Langs Radius enger. Nicht das ganze »Revier« ist sein Revier: Seine Exkursionen konzentrieren sich auf Essen und die nördlichen Nachbarstädte, von Duisburg über Oberhausen und Bottrop bis nach Gelsenkirchen und Bochum. Gerade an den Rändern der einen Stadt, die hier, planlos entwickelt im Ballungsraum, zugleich die einer anderen Stadt sind, liegen viele der Orte, die unter seinem Blick zu Schauplätzen werden: Hart verlaufen die Schnitte zwischen Werkkulisse und Weizenfeld, Schornsteinen und Schafherden, grasenden Kühen und Kraftwerken. Wie Horst Lang hier Straßen und Siedlungen, Hinterhöfe und Hafenbecken, Toreinfahrten und Trümmergrundstücke, Gleisanlagen und Gewerbe festgehalten hat, setzt einen unsentimentalen Charme von herber Eindringlichkeit frei. Poetisch sind seine Photos, aber nicht pathetisch, präzise, aber nicht prätentiös, kühl, aber nicht kalt. In seiner Zurückhaltung gegenüber Menschen geht er längst nicht so weit wie Renger-Patzsch und bleibt dennoch diskret.
Was treibt einen Photographen, der in der Mitte seines Lebens steht, immer wieder in jene Zwischenbereiche, wo sich die Konturen zwischen Stadt und Land auflösen und die als trist und unwirtlich angesehen werden? Wie kommt er dazu, sich gerade hier auf Motivsuche zu begeben? Horst Lang kann diese Fragen, die er sich oft gestellt hat, selbst nicht so ganz beantworten, und mit rationalen Erklärungen allein ist ihnen wohl auch nicht beizukommen. Seine Aufmerksamkeit für diese Wirklichkeit wird, so sehr sie auch von seinem Studium phototheoretischer Schriften gestützt ist, vor allem von der Ahnung geleitet, daß mit dem Zeitalter der großen Industrie, das sich dem Ende zuzuneigen beginnt, etwas Unwiederbringliches verloren geht.
Die sechziger Jahren sind im Ruhrgebiet nicht so sehr eine Zeit des Aufbruchs, der Jugend- und der Studentenrebellion, als eine Phase des formativen Strukturwandels, der den Anfang vom Ende der Montanindustrie markiert und erst in den neunziger Jahren abgeschlossen wird. Schon Ende der fünfziger Jahre hatte die Produktion von Kohle und Stahl den Zenith überschritten, die Leistungskraft und auch die Einwohnerzahl des Reviers begannen zu sinken; 1962 hatte Willy Brandt, als das noch schier utopisch klang, den blauen Himmel über der Ruhr versprochen, und auch wenn sich damals noch niemand vorstellen konnte, daß von den zweihundert Zechen, die es 1960 gab, bis zum Jahr 2000 nur sechs übrigbleiben würden, so war doch absehbar, daß der Bergbau sich zurückziehen und nach Norden abwandern würde. Horst Lang spürte das, er ahnte zumindest, daß die alte Industrie wegsterben und das Ruhrgebiet sich von Grund auf verändern würde. Aber er erkannte auch, daß diese vermeintlich unschöne Industrielandschaft etwas Besonderes und ihre so eigene und ganz unverwechselbare Erscheinung es wert waren, aufbewahrt zu werden: als Teil des kollektiven Bewußtseins und als Teil einer untergehenden Wirklichkeit.

Horst Lang ist nicht der einzige Photograph, der damals im Ruhrgebiet auf Tour geht. 1958 erscheint die Bildreportage Im Ruhrgebiet seines Kölner Kollegen Chargesheimer (1924-1971), für die Heinrich Böll ein ausführliches und berühmt gewordenes Vorwort schreibt. Die Veröffentlichung, die außerhalb des Reviers als »kulturpolitische Tat« (Karl Korn) gewürdigt wird, kommt im Ruhrgebiet selbst nicht gut an und löst einen Sturm der Entrüstung aus. Wilhelm Nieswandt, der Essener Oberbürgermeister, protestiert in einem Offenen Brief gegen die Böll’sche Assoziationskette »Krupp – Essen – Kanonen – Bergleute - Macht«, und der Direktor des Bochumer Verkehrsvereins bringt die allgemeine Empörung auf den Punkt: »Das Ruhrgebiet wurde aus der Dreckatmosphäre gesehen.« Auch Horst Lang ist mit Chargesheimers Sicht ganz und gar nicht einverstanden: »Der ist da mit seinen Vorurteilen durchmarschiert, und die hat er dann photographiert.«
Dabei ist der Abstand zwischen beiden Photographen gar nicht so groß, teilen sie doch eine Vorliebe für strenge Kompositionen in Grau und Schwarz. Was sie unterscheidet, ist vor allem die Haltung. Chargesheimer kommt von außen, mit festen Vorstellungen und Bildern über das Ruhrgebiet im Kopf, die seinen Blick lenken: Seine Wahrnehmung richtet sich mehr auf Zeugen der Vergangenheit als auf Erscheinungen der Gegenwart, so daß, wie die Zeitschrift Die Grubenlampe kritisierte, »nie eine neuzeitliche Schachtanlage gezeigt wird, deren Großzügigkeit der Linien und der Wucht der Form das Auge befriedigt.« Horst Lang dagegen sieht das Ruhrgebiet als einer, der hier fast sein ganzes Leben verbracht hat, von innen heraus: Die Vergangenheit ist in seinen Bildern präsent, aber sie ist nicht übermächtig; nicht nur der stolz aufgeklappte weiße Mercedes vor dem bescheidenen Reihenhaus in der Zechensiedlung in Gelsenkirchen oder der Ruhrschnellweg mit dem Förderturm der Zecke Karolinenglück als Landmarke führen aus ihr heraus.
Chargesheimers fröhliches Credo gibt sich unbelastet von Chronistenpflicht: »Ich will die Welt zeigen, wie sie ist, unsere Welt in all ihrer Härte, ihrer Fremdheit, ihrer Heiterkeit und ihrer Schönheit, ja in ihrer Schönheit.« Ihm geht es (noch) nicht darum, eine industrielle und soziale Wirklichkeit in ihren bauhistorischen und technischen Erscheinungen festzuhalten und in ihrer Eigenschaft als Identitätsmal und Wahrzeichen zu würdigen. Das Bewußtsein dafür beginnt sich damals gerade erst zu artikulieren: unter Historikern und Kunsthistorikern, Denkmalschützern, Heimatpflegern und engagierten Bürgern – und nicht zuletzt unter Photographen.
Von diesen entwickelt keiner ein derart nachhaltiges und in seinen Ergebnissen anspruchsvolles Engagement wie Bernd und Hilla Becher, die 1962 anfangen, im Ruhrgebiet zu photographieren. Die dokumentarische Arbeit, die sie leisten, ist in ihrer Bedeutung nicht zu überschätzen. Kaum zufällig, konzentriert sich ihr Interesse zunächst auf ausgefallene Objekte. Doch schon bald verbreitert und vertieft es sich soweit, daß daraus eine ebenso systematische wie photographisch hervorragende Dokumentation von ganzen Industriekompendien erwächst, die in ihrer prägnanten, auf das Objekt gerichteten Methode künstlerischen wie wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Die Bechers stellen ihre Photographie in den Dienst des Gegenstands. »Das Photo«, so Bernd Becher, »wird zum Objektersatz«, und die beiden Photographen werden zu Pionieren der Industriekultur. Mit ihren Arbeiten befördern sie, ähnlich wie dreißig Jahre zuvor Albert Renger-Patzsch, eine neue Sicht auf das Ruhrgebiet und tragen wesentlich dazu bei, daß einige der bedeutsameren Industrierelikte nicht der Abrißbirne zum Opfer fallen.
Das Lebenswerk der Bechers bildet, in seinem Rang wie in seinem Umfang, eine Klasse für sich. Dennoch oder gerade deshalb ist es aufschlußreich, ihre photographische Arbeit mit der von Horst Lang zu vergleichen. Wie Chargesheimer haben sich die Bechers dem Ruhrgebiet von außen genähert, wenn auch nicht, um herrschende oder eigene Vorurteile zu bestätigen, sondern mit gleichsam wissenschaftlicher Distanz. Exaktheit ist das erste Kriterium ihrer Darstellungen: Die Objekte werden vor neutralem Hintergrund und meist frontal aufgenommen, auf daß die Bilder katalogisiert und in typologische Reihen gestellt und so dem – auch systematischen – Vergleich ausgesetzt werden können. Immer betonen sie den Abstand zu den Gegenständen, und das gibt ihren Pho-tos, wenn auch nur auf den ersten Blick, etwas Nüchternes, Makelloses, Asketisches.
Anders Host Lang. Für ihn ist das Ruhrgebiet ein Teil von ihm selbst, der Umraum, in dem er lebt und aus dem es führ ihn nichts herauszuheben, nichts zu isolieren gibt. Ihm steht der Sinn nach Journalismus, nicht nach Wissenschaft. Zufälligkeiten versteht er nicht als Störungen, sondern als Reporterglück. Nie würde er auf die Idee kommen, sich einer Leiter oder eines Gerüsts zu bedienen, um einen erhöhten Standpunkt der Wahrnehmung zu gewinnen. Das heißt nicht, daß er seine Position nicht sehr bewußt wählt; er achtet genau darauf, was er aufnimmt, und wartet, ohne etwas zu inszenieren, den richtigen Moment ab: Das Kind, das versetzt, doch im Gleichschritt der Großmutter ins Haus folgt, der Radfahrer, dessen Arm und Tasche in der Brückendurchfahrt erscheinen, als der Fußgänger gerade in der Mitte des Bildes angekommen ist, und in der nächsten Aufnahme dessen Position erreicht hat – das sind Photos, mit denen Horst Lang Augenmerk und Kompositionskraft beweist. Die Bechers sind distanzierte, Lang ist ein teilnehmender Beobachter, sie sind Bildhauer, er ist ein Erzähler der Kamera: Ihre Bilder wirken durch optische Intensität und visuelle Genauigkeit, seine dagegen sprechen verschiedene Sinne an. Der Betrachter kann den Eindruck gewinnen, das Ruhrgebiet zu riechen und zu schmecken. Photographien gleichsam mit Aroma. Auch die Bechers können – und wollen – sich dem nicht entziehen: Durch die Ausstellung in Bottrop auf Host Lang aufmerksam geworden, werden sie zu seinen Förderern, die sich für die Veröffentlichung seiner Bilder stark machen.

Horst Lang war, wie gesagt, nicht der einzige Photograph, den das Ruhrgebiet faszinierte. Aber er war allein. Und das ist es, was ihn von allen seinen Kollegen prinzipielle unterscheidet. Denn Horst Lang arbeitete ohne Auftrag. Keine Zeitung schickte ihn los, keine Firma heuerte ihn an, keine Behörde sicherte sich seine Dienste, nicht einmal einer Schule oder einem ästhetischen Programm war er verpflichtet. Von keinerlei Fremdinteresse bestimmt, folgte er allein seinen Grundsätzen und Vorstellungen. Dabei ist er keineswegs frei von Vorbildern, doch ist es sicher kein Zufall, daß der Photograph, den er, darauf angesprochen, als ersten nennt, ein absoluter Geheimtip ist. Der Ungar Jenö Dulovits ist heute in keinem der greifbaren Lexika mehr zu finden. Auch wenn Horst Lang insgeheim hoffte, eines Tages entdeckt und beachtet zu werden, so lag ihm doch jede Absicht fern, der öffentlichen Anerkennung mit inszenatorischen Mitteln nachzuhelfen. Auf diese Weise ist im Verborgenen, unter Ausschluß der Öffentlichkeit ein Lebenswerk entstanden. Was davon hier zum ersten Mal in einem Buch publiziert wird, ist nur ein kleiner, wenn auch wohl der bedeutendste Teil dessen, was Horst Lang dokumentiert hat.
Vielleicht ist es diese Freiheit, diese Unabhängigkeit von jedem Verwertungs- oder Selbstdarstellungsinteresse, in der die künstlerische Integrität der Photographie von Horst Lang gründet. Ohne Auftrag entstanden, scheint sie selbständig und ungehindert mit den Erinnerungen kongruent gehen zu können, die viele Menschen im Ruhrgebiet mit dieser Zeit und diesen Orten verbinden. Die Reaktionen auf die Ausstellung im Josef Albers Museum waren, wie im Besucherbuch nachzulesen ist, aufschlußreich: Für viele Besucher, die diese Jahre bewußt erlebt haben, aber auch für Jüngere, die sie aus Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennen, haben die Photos offensichtlich einen hohen Identifikationswert. Dabei treffen sie nicht nur auf Erinnerungen, sie setzen den Prozeß des Erinnerns auch in Gang. In ihren Gegenständen längst historisch, erscheinen sie bereits im Moment ihrer Veröffentlichung als Teil des kollektiven Gedächtnisses. In dieser Eigenschaft geben die Photos auch Anschauung und Auskunft darüber, was das Ruhrgebiet in dem rasanten Prozeß des Strukturwandels schon verloren hat – oder bald zu verlieren droht. Das Bewußtsein für die Geschichte, die sie festhalten, bildet auch ein Stück Widerstand gegen Entwicklungen, die es um seine Eigenheit und Unverwechselbarkeit bringen könnten.
Genau hier schlägt die kulturhistorische Bedeutung der Photographien von Horst Lang um in einen Identifikationsfaktor, wenn nicht gar in ein Versprechen für die Zukunft.

Ortstermin an der Bahnbrücke, Ecke Essener und Osterfelder Straße, in Oberhausen. Auf den zweiten, genaueren Blick erzählt gerade dieses Photo von Horst Lang nicht nur von der verschwundenen Vergangenheit, sondern zugleich von einer möglichen Zukunft des Ruhrgebiets. Die Hinweise dafür sind denkbar konkret, die Vision ist dem Bild buchstäblich eingeschrieben: Der Ort ist Oberhausen, die Straßenbahn nennt Essen-Rellinghausen als Ziel, der VW-Käfer ist in Duisburg zugelassen, und das Bier wurde in Dortmund gebraut. So teilt diese Aufnahme – die Brücke wird zur Metapher – auch etwas davon mit, was das Ruhrgebiet (noch) nicht ist, aber werden könnte: eine Stadt.
Es wird einmal.

Horst Lang ''... als der Pott noch kochte'' Schirmer/ Mosel 2000/2002

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